
Ich weiß, alle denken, dass ich ein arrogantes Miststück bin, aber das ist nicht wahr. Ich habe halt viel Pech im Leben gehabt; meine Geschichte ist eine Aneinanderreihung von tragischen Missverständnissen. Aber deswegen muss sie erzählt werden – vielleicht merkt irgendwann ja doch noch jemand, was mir das Schicksal angetan hat.
Meine Mutter war eine international mehrfach ausgezeichnete British-Kurzhaar-Katze mit untadeligem Stammbaum. Ich werde sie und ihre Grundsätze nie vergessen, auch wenn wir früh getrennt wurden. Ihr Name war Beatrice vom Hohen Weihergang, und ihre stolze Gangart und ihre Gewohnheit, nur die delikatesten Häppchen mit kritischem Blick aus dem Napf zu wählen – der übrigens immer sauber gespült sein musste, alles andere war inakzeptabel und wurde mit Verachtung gestraft –, werden mir stets ein Vorbild sein. Meinen Vater habe ich nie kennengelernt, aber auch er stammte aus einer vorzüglichen Zuchtlinie, die sich bis ins 19. Jahrhundert zurückverfolgen lässt. Mamas Grundsatz, den sie uns einschärfte, lautete: ‚Vergiss nie, dass du als Rassekatze etwas Besonderes bist – und sorg dafür, dass auch die anderen es nie vergessen!‘
In meinem Wurf gab es noch drei Geschwister: Clarissa, Cordelia und unser Bruder Carolus. Bärbel, unsere Gastgeberin (Mama schärfte uns ein, sie so zu nennen, auch wenn sie in Wirklichkeit eher eine Art Dienstbotin war) hatte sich überlegt, uns von einem Profi fotografieren zu lassen, damit sie von unseren zukünftigen Gastgebern eine möglichst hohe Vermittlungsgebühr verlangen konnte. Mama hatte gehört, wie sie eines Tages zu Frank (ihrem Ehemann und Helfer, der immer unser Katzenstreu austauschen musste) sagte: „Um diese Zuchtgebühr wieder einzuspielen, müssen wir die Kleinen auf dem europäischen Markt anbieten. Ich habe schon ein Portal gefunden, auf dem ich das hochladen kann. Aber dafür brauchen wir exzellente Bilder.“
Damals verstand ich natürlich noch nicht so genau, was das bedeutete, und Mama sagte nur, sie wäre mit Bärbels Vorgehen sehr zufrieden, denn es würde bedeuten, dass uns eine fabelhafte Karriere eröffnet würde. Wir würden schon sehen.
Das taten wir auch, denn eines Morgens holte Bärbel uns der Reihe nach aus dem Zimmer, in dem wir mit Mama lebten. Clarissa, die als erste dran war, erzählte mir, wie es gelaufen war: ‚Du wirst auf den Küchentisch gesetzt, dann beugt sich der Fotograf über diesen komischen schwarzen Kasten mit den drei dünnen Beinen, und je nachdem, was du machst, sagt er „Sehr schön! Super!“ oder „Nö, so nicht!“ – und das war’s auch schon.‘
Das reichte mir als Erklärung noch nicht. ‚Was hast du denn gemacht, was er super fand?‘, wollte ich wissen. Weil ich als Letzte dran war, musste ich mir schließlich noch mehr Mühe geben, um den Fotografen zu beeindrucken.
‚Zum Beispiel als ich das Pfötchen gehoben habe – das fand er niedlich‘, berichtete sie. ‚Und auch als ich mal gähnen musste. Das hatte ich gar nicht erwartet.‘
Ich war verwundert. Pfötchen heben? Gähnen? Was war daran so besonders? Als nächsten konnte ich Carolus befragen, während Cordelia fotografiert wurde. Er hat sich die Vorderpfote geleckt, was gut ankam, während das Hinterbein nicht so der Hit war. In mir wuchs die Panik. Was konnte ich denn noch machen, um bei dem Fotografen mehr Beachtung zu finden als meine Geschwister?
Als Bärbel mich abholte, war mir noch immer nichts eingefallen. Deshalb lief es auch von Anfang an schlecht. „Was ist mit dieser Katze los?“, hörte ich den Fotografen sagen, als ich mich zum Beispiel schlafend stellte. „Die anderen war alle so niedlich.“
Ich riss die Augen auf, machte einen Buckel und fauchte ihn an. ‚Pass bloß auf, du Knalltüte!‘, zischte ich ihm zu. ‚Ich bin noch viel niedlicher als meine Geschwister, du musst mir nur die richtigen Anweisungen geben!‘
„Vielleicht ist sie verstört, weil die Kamera so nah ist?“, schlug Bärbel vor. „Versuchen Sie es doch mal von etwas weiter weg.“
Der Mann seufzte. „Wenn Sie meinen! Dann brauche ich aber ein anderes Objektiv.“ Er begann, seinen Fotoapparat auseinanderzunehmen. Erst entfernte er den Ständer mit den dünnen Beinen, dann schraubte er die seltsame Dose in der Mitte ab und legte den restlichen Kasten auf den Tisch. Schließlich bückte er sich und kramte in seinem Koffer. „Vielleicht ist dieses Tier einfach nicht so fotogen“, sagte er dabei zu Bärbel. „Das gibt es bei Menschen doch auch. Von den anderen dreien sind mir gute Aufnahmen gelungen. Aber wenn Sie wollen, kann ich diese auch von der Tür aus schießen.“
„Ja, bitte tun Sie das“, antwortete Bärbel. „Ich bin darauf angewiesen, dass ich die Tiere gut verkaufen kann. Schade, dass es bei Contessa nicht so klappt.“ Sie sah mich bekümmert an.
Mich durchfuhr es heiß und kalt. Schießen? Hieß das, sie wollte mich von dem Kerl töten lassen, wenn es keine guten Fotos von mir gab? Schlimm genug, dass er behauptete, ich wäre nicht so fotogen wie meine Geschwister, obwohl ich mir so viel Mühe gegeben hatte, ihm andere Posen zu liefern! Ob wohl in diesem schwarzen Kasten auch eine Waffe enthalten war?
Wie könnte ich mich retten? Mir blieb nicht viel Zeit für eine Entscheidung. Mit Anlauf sprang ich auf das Ding zu. Zum Glück lag es nahe genug auf der Tischkante, um es darüber weg zu schubsen. Es knallte mit einem lauten Krach auf den Steinboden der Küche. Ich konnte erkennen, dass zumindest ein silbriges Teil dabei abgegangen war. Hoffentlich reichte das, um die Waffe unschädlich zu machen!
Bärbel und der Fotograf schrien beide auf. Damit hatten sie nicht gerechnet! Der Mann stürzte sofort herbei, um das Teil aufzuheben. „Das darf doch wohl nicht wahr sein!“, jammerte er. „Meine teure Nikon!“ Er sah Bärbel böse an. „Ich hoffe, Sie haben eine gute Haftpflichtversicherung!“
„Versicherung?“, rief sie erschrocken. „Aber wieso? Sie haben doch Ihre Kamera selbst auf den Tisch gelegt!“
„Aber Ihre blöde Katze hat sie kaputtgemacht!“, gab er mit lauter Stimme zurück. „Und für die sind Sie verantwortlich!“
‚Ich bin keine blöde Katze!‘, protestierte ich empört, aber die beiden achteten nicht darauf. Stattdessen stritten sie sich weiter darüber, wessen Schuld es war. Mir war das ziemlich egal, Hauptsache, ich wurde nicht erschossen.
Schließlich packte Bärbel mich ein wenig unsanft und brachte mich zu den anderen zurück. Was aus dem Fotografen wurde, weiß ich nicht, aber eine Weile später bekam sie einen Umschlag mit Fotos. Sie zeigte sie Frank und sagte: „Die Bilder von den dreien sind wirklich toll geworden, aber was machen wir mit Contessa?“
„Sie hat immer noch einen tadellosen Stammbaum“, erwiderte er. „Die wirst du bestimmt trotzdem los. Setz sie doch einfach ins Züchterblatt.“
Ich hatte kein gutes Gefühl dabei, auch wenn ich nicht wusste, was ein Züchterblatt ist. Aber zu wissen, dass Bärbel mich loswerden wollte, schmerzte schon, zumal mich jetzt auch die anderen meistens ein wenig mitleidig ansahen.
Immerhin war ich deswegen die Erste aus dem Wurf, die bei Bärbel auszog. Eine Frau mit sehr viel Schmuck und ein seltsam holzig riechender Mann kamen uns mehrmals besuchen. Dabei wurde ich immer herbeigeholt und vorgeführt, bis die beiden Gäste mich genug betrachtet und auf dem Arm gehalten hatten. Mir war das nicht so angenehm, aber Mama sagte, man solle das über sich ergehen lassen, bis man im Haus der neuen Gastgeber angekommen war, danach konnte man dann damit aufhören, wenn man wollte.
Dann kam der Tag, an dem ich abgeholt wurde. Mama leckte mir noch einmal gründlich das Fell und erinnerte mich: ‚Vergiss nie, dass du als Rassekatze etwas Besonderes bist – und sorg dafür, dass auch die anderen es nie vergessen!‘
Damit gab ich mir von Anfang an besondere Mühe. So sehr mein Magen knurren mochte, ich bestand auf einem ganz speziellen Futter und frisch gespülten Näpfen. Weil der Mann so eine laute Stimme hatte, ließ ich mich nur von der Frau anfassen. Er war schon ein wenig enttäuscht deswegen, aber er kapierte leider nicht, warum. Eine Weile tröstete seine Frau ihn immer damit, dass ich noch ganz neu bei ihnen wäre und mich erst mal an alles gewöhnen müsste. Das sagte sie auch zu den Leuten, die zu Besuch kamen und mich streicheln wollten. Die waren immer ganz enttäuscht, wenn ich sie anfauchte und die Flucht ergriff.
Alles war gut bis zu dem Tag, als die Blondine mit den beiden Kindern zu Gast war. Mir war schon vor einer Weile aufgefallen, dass es draußen wohl immer kälter wurde, denn von meinem Platz am Fenster aus konnte ich beobachten, dass die Menschen sich immer dicker anzogen, wenn sie draußen unterwegs waren. Meine Gastgeberin begann deshalb, in der Wohnung Kerzen anzuzünden, obwohl ich nicht glaube, dass die viel an der Temperatur änderten. Schließlich holte sie sogar einen kompletten Baum ins Haus. Es schien, als müsste der erst mal bei uns getrocknet werden, um ihm später verbrennen zu können, und für die Zwischenzeit wurde er ebenfalls mit Kerzen versehen und darüber hinaus noch mit bunten Kugeln. Beide Gastgeber schärften mir ein, ich sollte nicht mit den Kugeln spielen, was mir nicht recht einleuchten wollte. Als ich eine der Kugeln zum Spielen abnahm, zerbrach sie in tausend kleine Splitter. Wie bescheuert ist das denn? Aber danach schlug ich immer nur ganz sachte dagegen, weil ich keine Lust auf Splitter in meinem Fell hatte. Die sind sehr unangenehm auf der Zunge, wenn man sich putzt.
Bevor die beiden Kinder kamen, wurden unter dem Baum mehrere in Papier eingewickelte Kartons abgestellt. Meine Gastgeberin wurde immer hektischer – sie versuchte gleichzeitig zu kochen, die Wohnung aufzuräumen und noch mehr Dekoration als sonst aufzustellen, während ihr Mann die Kerzen anzünden sollte. Mich wunderte jedenfalls nicht, dass die beiden immer von „Eiligabend“ sprachen. Dann klingelte es an der Haustür, und die beiden Kinder stürzten herein.
„Wo ist die Miezekatze?“, riefen sie, und als sie mich entdeckt hatten, liefen sie auf mich zu. Ich war zu Tode erschrocken. Was wollten die mit mir machen? Ich versuchte, die Treppe hinauf zu flüchten, aber da lauerte der größere der beiden und hätte mich fast erwischt. Also schlug ich einen Haken und rannte zurück ins Wohnzimmer mit dem Ziel, ganz schnell bis auf die oberste Plattform meines Kratzbaums zu klettern, denn die war so hoch, dass sie mich dort nicht erreichen konnten. Aber ich hatte nicht bedacht, dass im Augenblick dieser komische Baum davor stand! Ich sah keine andere Möglichkeit, als zunächst in den Baum zu springen und von da aus den Kratzbaum zu erreichen.
Aus dem Augenwinkel erkannte ich noch meine Gastgeberin, die händeringend rief: „Nein! Nicht!“, aber das konnte mich jetzt nicht aufhalten. Ich machte einen großen Satz und landete mitten zwischen den pieksigen Zweigen. Eine Kugel flog mir um die Ohren, und der Baum begann zu schwanken, was meine Panik noch verstärkte. Mit letzter Kraft drückte ich mich erneut ab, um auf den Kratzbaum zu gelangen, und zwar keine Sekunde zu früh, denn nun kippte der Baum zur Seite in Richtung Fenster.
Ich glaube, es wäre alles nicht so schlimm gewesen, wenn nicht die Kerzen schon gebrannt hätten. Eine davon geriet in die Falte der Gardine, eine andere fiel nach unten auf die eingepackten Kartons, eine dritte wurde gegen meinen Kratzbaum geschleudert. Die Menschen schrien vor Schreck, während bereits ein paar Flammen aus der Gardine züngelten.
Mit einem riesigen Satz rettete ich mich unter das Sofa und bekam deshalb nur zum Teil das Chaos mit, das jetzt ausbrach. Dort blieb ich auch, bis sich die Situation beruhigte, so dass ich nicht genau sagen kann, was zwischendurch geschah. Danach sah das Wohnzimmer jedenfalls nicht mehr aus wie vorher, es stank unerfreulich nach Qualm und verbranntem Plastik, und fast alle Anwesenden waren am Weinen.
Nur mein Gastgeber nicht. Der saß auf einem Sessel, starrte auf die verkohlten Gardinen und sagte: „Das reicht jetzt. Die Katze kommt weg!“
Ich war bereits bei einer neuen Gastgeberin, bevor das neue Jahr begonnen hatte. Im Gegensatz zu den Leuten vorher hatte sie die Angewohnheit, sich viel mit mir zu unterhalten. Viel zu viel eigentlich. Genauer gesagt laberte sie mir Tag und Nacht die Ohren voll, und zwar auf eine Art und Weise, die ich sehr anstrengend fand. „Morgen ist Silvester“, sagte sie beispielsweise. „Da wird ganz, ganz viel geböllert, die ganz Zeit geht das bumm, bumm, bumm, das sind Raketen, für die dumme Leute sehr viel Geld ausgeben, obwohl sie das besser an den Tierschutzverein spenden sollten. Bumm, bumm, bumm geht das, aber du musst keine Angst haben, ich bin ja bei dir, und wir machen auch den Fernseher an und gucken die große Silvestershow, dann sind wir wenigstens abgelenkt.“
Ansonsten war sie ganz nett und machte mit ihrem Handy ständig Fotos von mir, ohne sich zu beklagen, dass meine Geschwister niedlicher aussähen, weil sie ja nur mich kannte. Insofern kamen wir gut miteinander aus, zumal ich mir mit der Zeit angewöhnt hatte, ihrem ständigen Gebrabbel keine Aufmerksamkeit mehr zu schenken.
Gelegentlich hätte ich aber wohl doch mal darauf achten müssen. Dann hätte ich nämlich schon vorher erfahren, dass sie einen folgenschweren Termin für mich ausgemacht hatte. Aber ausgerechnet in diesen Tagen war mir total merkwürdig; ich hatte mich noch nie im Leben so seltsam gefühlt. So kriegte ich es erst mit, als eines Nachmittags im Sommer eine fremde Frau mit einem Katzenkorb vor der Tür stand, aus dem ein ärgerliches Geheule ertönte.
„Schön, dass Sie da sind!“, sagte meine Gastgeberin. „Ich würde vorschlagen, wir kommen direkt zur Sache.“ Und diese Sache bestand offensichtlich darin, dass sie eine Britisch-Kurzhaar-Zucht beginnen wollte, und zwar mit mir.
Die Besucherin hatte es nicht ganz so eilig. „Zuerst mal regeln wir das Geschäftliche“, verlangte sie. Und das bedeutete, dass meine Gastgeberin ihr einen abgezählten Stapel Geldscheine überreichte, den sie sofort in ihre Handtasche steckte.
Einen Kaffee lehnte sie ab. Aber nachdem die Küchentür geschlossen und damit jede Art von Fluchtweg abgeschnitten war, öffnete sie den Katzenkorb und ließ den Kater aussteigen, ein dickes großes Tier mit gelben Augen. Der sah sich kurz um und stakste dann auf mich zu. ‚Ich bin Aurelius von Sichelfeld, und ich komme, um dich zu begatten.‘
Diesen arroganten Ton konnte ich auch. ‚Ich bin Contessa vom Hohen Weihergang, und ich habe dich nicht eingeladen.‘
‚Das spielt keine Rolle‘, meinte er. ‚Mich fragt auch keiner. Aber ich mache es trotzdem.‘
Ich sah ihn skeptisch an. ‚Was genau meinst du damit? Was machst du?‘
‚Du weißt nicht, was Begatten bedeutet?‘ Sein Ton war herablassend bis mitleidig. ‚Es bedeutet, dass ich dir gleich auf den Rücken steigen und in den Nacken beißen werde, und dann stecke ich meinen …‘
‚Das reicht‘, unterbrach ich ihn. ‚Das machst du auf keinen Fall mit mir.‘
Jetzt wirkte er eher erstaunt. ‚Aber so geht das halt!‘, rief er aus. ‚Nun mach kein Theater und halt still, dann haben wir es schnell hinter uns.‘
‚Kommt nicht in Frage!‘, erklärte ich ihm, sträubte mein Fell und fauchte ihn an.
Offenbar nahm er mich immer noch nicht ernst. ‚Netter Versuch!‘, rief er spöttisch und versuchte trotz alledem das zu tun, was er gerade angekündigt hatte.
Aber nicht mit mir. Wie der Blitz schoss ich herum und versetzte ihm mit meiner Mittelkralle zwei dicke Striemen quer über die Nase, und um sicherzugehen, biss ich ihn auch noch ins Ohr.
‚Du blöde Nuss!‘, heulte er auf. ‚Warum machst du so einen Zirkus? Nun lass es uns schon hinter uns bringen, sonst bin ich gleich nicht mehr in Stimmung.‘
‚Nichts bringen wir hinter uns!‘, kreischte ich wütend und biss ihm noch mal ins Ohr, und weil er gerade den Kopf wegziehen wollte, riss ich dabei leider einen kleinen Fetzen Haut heraus.
Nun schrie nicht nur Aurelius, sondern auch seine Begleiterin. Sie stand so plötzlich auf, dass ihr Stuhl umkippte, und das Getöse erschreckte mich so sehr, dass ich unter den Küchenschrank kroch. Aurelius wiederum versuchte, auf den Kühlschrank zu springen, was ihm nicht gelang, und es rummste ordentlich, als er zurück auf den Boden fiel. Aber seiner Gastgeberin gelang es dabei, ihn einzufangen und genauer zu betrachten.
„Ihr Mistvieh hat meinen Kater verunstaltet!“, warf sie meiner Gastgeberin entrüstet vor und bugsierte den Kater zurück in seinen Transportkorb. „Wir fahren sofort wieder nach Hause.“
„Aber erst geben Sie mir mein Geld zurück!“, verlangte meine Gastgeberin. „Es ist schließlich gar nicht zu einer Paarung gekommen!“
„Einen Teufel werde ich tun!“, schnappte die andere Frau. „Erstens hatte ich Kosten für die Anfahrt. Zweitens wird diese Ecke im Ohr bleiben, und damit kann ich Aurelius nicht mehr an Ausstellungen teilnehmen lassen. Seien Sie froh, dass ich sie nicht verklage!“
Zum ersten Mal, seit ich sie kannte, fehlten meiner Gastgeberin die Worte. Fassungslos verfolgte sie, wie Aurelius und Begleiterin das Haus verließen. Als ich die Haustür ins Schloss fallen hörte, kroch ich erleichtert unter dem Schrank hervor.
Von diesem Moment an war es aus mit dem liebevollen Gebrabbel. Entweder machte sie mir Vorwürfe oder strafte mich mit Verachtung. Es dauerte etwa eine Woche, bis ein älteres Ehepaar vor der Tür stand und mich mitnehmen wollte. Der Mann überreichte meiner Gastgeberin seufzend ein Bündel Geldscheine, und dafür holte sie nicht nur meinen Transportkorb herbei, sondern packte auch meine Spielsachen, den Kratzbaum und den Rest meines Futters zusammen. Es war ganz klar: ich wurde schon wieder weitergereicht.
Es sollte nicht das letzte Mal sein. Dabei hatte ich an vielen Sachen gar keine Schuld, zum Beispiel als bei einer Familie die Badewanne überlief, während sie versuchten, mich hinter der Waschmaschine im Keller hervorzuholen. Kann ich was dafür, wenn sie mich so reichlich füttern, dass ich nicht mehr einschätzen kann, wo ich hinpasse und wo nicht?
Jetzt wohne ich bei Mechthild und Reinhard. Ja, sie haben noch einen Kater, der schon früher da war, ein äußerst gewöhnlich aussehender Tiger ohne Stammbaum und Stil mit Freunden, die ich auch nicht mag. Aber ich gehe sowieso nicht raus, wenn es sich vermeiden lässt, und mit Rudi selbst habe ich inzwischen eine Art Waffenstillstand erreicht. Ich denke, ich werde mir etwas mehr Mühe geben als sonst, um nicht schon wieder an neue Gastgeber weitergegeben zu werden. Man wird ja nicht jünger, und so richtig verstehen wird mich sowieso niemand im Leben. Höchstens, wenn das hier jemand liest.